Ein Plädoyer für Auto-Tune/HardTune

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Wow – haben wir das wirklich gerade zu Papier gebracht? Haben wir uns gerade freiwillig als Pflichtverteidiger für den Vocal-Effekt mit dem wohl schlechtesten Ruf gemeldet? Ja, sieht ganz so aus. Und daher wollen wir Ihnen, hoch geschätzte Jury, nun darlegen, warum Auto-Tune/HardTune nicht – wie böse Zungen es behaupten – die moderne Popmusik auf dem Gewissen hat. Und damit soll das Gerichtsdrama seinen Lauf nehmen.

Der Daily Telegraph hat Auto-Tune dereinst als „besonders finstere Erfindung“ bezeichnet, und auch das Time Magazine hat diesen Effekt in ihre Liste der 50 schlimmsten Erfindungen aufgenommen. Auf derselben Liste findet man unter anderem Asbest. Asbest? Alleine dies sollte Ihnen einen Eindruck davon vermitteln, welche Vorurteile manche Menschen gegenüber diesem Pariah unter den Vocal-Effekten haben.

[ Und übrigens, Euer Ehren: Wir möchten für das Protokoll darauf hinweisen, dass HardTune nicht für den Tod von mehr als 12.000 US-Amerikaern pro Jahr verantwortlich ist; dies wäre tatsächlich Asbest. ]

An dieser Stelle möchten wir die hochgeschätzten Mitglieder der Jury bitten, einen Blick auf die Anklagepunkte zu werden, die unserem Mandanten zur Last gelegt werden. Der Staatsanwalt hat die folgenden Punkte genannt:

  • Wenn Sie auf die Dienste unseres Kunde zurückgreifen, heißt das, dass Sie nicht singen können.
  • Unser Mandant verwandelt menschliche Stimmen in robotisches Geplärre.
  • Unser Mandant lässt jeden, der seine Dienste nutzt, gleich klingen.

Dies sind weit verbreitete Überzeugungen. Und dennoch müssen sie für unsere Ohren nahezu absurd klingen. Lassen Sie uns dies bitte ausführen.

  1. Denken Sie an einen Künstler, von dem Sie mit Sicherheit zu sagen vermögen, dass er singen kann. Wenn er (oder sie) nun gelegentlich auf den HardTune-Effekt zurückgreift, mindert dies in irgendeiner Weise sein natürliches Talent? Selbstverständlich nicht! Um ein Beispiel herauszugreifen: Kimbra verwendet in einem Abschnitt ihres bekannten Songs „Settle down“ den HardTune-Effekt – und trotzdem käme wohl kaum jemand auf den Gedanken, der Künstlerin ihr Talent abzusprechen.
  2. Tonhöhenkorrektur hat viele Facetten. In ihrer subtilsten Form ist sie nahezu unhörbar – und lässt nur denjenigen nach Roboter klingen, der es vorher schon war.
  3. Und wenn kleine Tonhöhenänderungen zweifelsfrei ein wichtiges Merkmal jeder menschlichen Stimme sind, so sind sie sicher nicht das einzige, was eine Stimme unverkennbar macht. Wir legen als Beweismittel folgendes Beispiel vor: Sowohl Miley Cyrus als auch Taylor Swift verwenden Auto-Tune, und dennoch sind ihre Stimmen deutlich zu unterscheiden. Wenn wir also Miley und Taylor auseinanderhalten können, muss auch der dritte Anklagepunkt fallen gelassen werden.

Schlussplädoyer

Es gilt wie in der Medizin: die Dosis macht das Gift! Jeder maßlos eingesetzt Effekt kann einen Song ruinieren. Kann man mit Auto-Tune/HardTune einer Produktion den Garaus machen? Ja, das trifft zu. Aber dasselbe gilt auch für das allseits geschätzte Reverb, wenn man jeden Regler bis zum Anschlag aufdreht.

Wir erkennen in den Mitgliedern der geschätzten Jury intelligente und gesetzestreue Bürger. Und sicherlich können Sie erkennen, dass unser Mandant eigentlich als das Opfer vor Ihnen steht. Ein Opfer grober Verallgemeinerung und schlimmer Vorurteile. Damit schließen wir unsere Beweisführung ab.

Und für die Party nach dem Prozess …

Als letzte Wendung unseres Gerichtsdramas möchten wir eine Zeugin aufrufen: A.V. Sie ist eine schwedische Künstlerin, für die es gerade ziemlich gut läuft, und wir haben kürzlich im Rahmen der Beweisaufnahme eines ihrer Videos entdeckt. Uns gefiel der beruhigende Charakter ihrer schönen Altstimme und ihr entspannter Flow. Und um ehrlich zu sein, gefiel uns auch, wie sie hier den HardTune-Effekt pointiert einsetzt.

Aus unserer Sicht kann HardTune auf brillante und bösartige Weise eingesetzt werden. Nicht der Effekt ruiniert den Song; der übereifrige Anwender tut es. Aber wem steht es zu, zwischen gut und böse zu unterscheiden? Die Welt, verehrte Jury, wartet auf Ihr Urteil.

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